Maman und ich

 

Eigentlich suche ich mein ganzes Leben immer nach der Einen Tasche, die Eine, in die alles reinpasst, was ich so brauche. Die zu allem passt, was ich anhabe. Schön aussehen muss sie aber auch. Und nicht so schwer sein, damit ich keine Schulterschmerzen bekomme und dann Kopfschmerzen. Ich meine, eine Tasche ist ja so was wie eine verkleinerte Form eines Schrankes, in dem Du alles aufbewahrst, was Dir wichtig ist. Eine Tasche ist ein Statement, ein Ausdruck Deiner Persönlichkeit, heruntergebrochen auf das Nötigste. Also Geld, Ausweispapiere, Lippenstift, Kamm und Spiegel, Schreibstifte, Handy, Taschentücher, ein Buch, Lesebrille und Sonnenbrille, ein Brillenputztuch, Schlüssel, Veilchenpastillen, falls ich mal schlecht aus dem Mund rieche, ein Messerchen, falls ich unterwegs einen Apfel essen will, eine kleine Flasche Wasser, falls mein Zug unterwegs liegenbleibt, ein oder zwei Brote aus demselben Grund und Pfefferspray gegen böse Hunde und Menschen. Und Schmerztabletten, falls ich doch Kopfschmerzen bekomme. Es ist nicht so einfach. Aber Taschen sind einfach toll. So eine Art Schneckenhaus. Oder die komprimierte Form meines Daseins. Ich fand Taschen schon immer faszinierend. Die erste Tasche, an die ich mich erinnere, gehörte meiner Mutter. Sie war kastenförmig und hing über ihrem Arm, wenn wir spazierengingen. Ich fand meine Mutter sehr elegant. Ich wollte auch so sein wie sie. Und deshalb quengelte ich so lange, bis ich sie auch mal tragen durfte. Es gibt ein Foto mit mir und dieser Tasche und meiner Mutter. Ich wähle ganz bewußt diese Reihenfolge bei der Aufzählung. Denn es handelte sich um eine Machtkampf. "Ich bin Königin, und Du bist Prinzessin", sagte meine Mutter manchmal. Aber ich wollte nicht warten.