Tante Annie erzählt - Eine Biografie in Cafés

 

 

Als ich mich das erstemal mit Tante Annie zum Kaffeetrinken traf, spazierten wir am Rhein entlang und kehrten auf einem Restaurantschiff ein. Es war Spätsommer, die Sonne schien mild aufs Terrassendeck und wir sahen den Wellen nach, die in der Sonne glitzerten.

 

Tante Annie erzählte von ihrer Jugend in Berlin, wo sie mit meinen Großeltern und meiner Mutter bis zum Krieg gewohnt hatte. Damals gab es noch das berühmte Cafe Kranzler, das ursprüngliche, das in Berlin-Mitte lag. Es war in Berlin und darüber hinaus eine Legende. Ich kenne nur das in Berlin-Charlottenburg, das später gebaut wurde. Ich erinnere mich, dass ich als Kind mit meiner Mutter im Bus daran vorbei fuhr und sie aufgeregt auf die gestreifte Markise wies: Das Kranzler war für sie früher etwas ganz Besonderes gewesen, ein Ort der Fülle und des Vergnügens, in dem vor allem "die Betuchten" verkehrten, die es sich leisten konnten.

 

Tante Annie erzählte, dass meine Mutter von ihrem ersten Lehrlingsgehalt Baumkuchenspitzen aus dem Cafe Kranzler für meine Oma mitgebracht hatte, was diese als verschwenderisch bezeichnete, die Köstlichkeit dann aber doch gern verzehrte.Ich stelle mir meine Oma und meine Mutter gern vor, wie sie zusammen auf dem Balkon sitzen, meine Mutter in einem eleganten weissen Kleid mit Plisseerock und meine Oma in einer geblümten Schürze, so wie ich es von den Fotos aus der Zeit kenne. Tante Annie hockt in der Ecke auf einem Hochstuhl, sie ist ja beinahe zwanzig Jahre jünger als meine Mutter, ein Nachkömmling, was mir zugute kommt, denn wer sonst könnte mir heute noch von damals erzählen? Die drei verzehren die Baumkuchenspitzen und trinken dazu Tee aus Lindenblüten, die mein Opa im Charlottenburger Schlosspark gesammelt hat. Er ist nicht auf dem Foto. Vielleicht fotografiert er selbst, aber ich glaube eher, dass er bei seiner heimlichen Geliebten ist, von der damals natürlich nur er weiss. Meine Oma stickt an einer ihrer vielen Decken, und meine Mutter teilt gerade mit, dass sie sich für den Abend verabredet hat mit dem jungen Mann, der ihr gleich am ersten Arbeitstag "in der Firma" aufgefallen ist. Sie erzählt aber nicht, dass er ihr aufgefallen ist und erst recht nicht, dass er ihr wegen seiner blauen Augen aufgefallen ist. Sie sagt, ein Kollege habe sie eingeladen, am Abend mit ihm spazieren zu gehen. Und dass er sie vorhin auch schon hierher nach Hause begleitet hat, er hat sein Fahrrad geschoben und ist jetzt nach Hause zu seiner Mutter gefahren, um sich umzuziehen. Wo er denn wohnt, will meine Oma wissen. In Neukölln. Das ist ja eine ganze Ecke, denkt meine Oma, von Charlottenburg aus. Neukölln, Arbeiterviertel, denkt sie noch, und sie wird später, wenn der junge Mann geklingelt haben wird, hinter ihm und meiner Mutter herblicken und denken: Er ist schmal. Aber er ist höflich und spricht hochdeutsch. Das hat sie festgestellt, als er meine Mutter an der Wohnungstür abgeholt hat.

 

 

Da gehen sie zusammen los an einem lauen Maiabend, mein Vater und meine Mutter, sie wussten damals natürlich noch nichts von mir, und ich wusste natürlich erst recht nichts, an mich war ja noch gar nicht zu denken.

 

Die einzige, die vielleicht damals so etwas gedacht hat, war möglicherweise Tante Annie. Aber die war ja eigentlich auch noch zu klein.

 

 

"Cafes haben in meinem Leben immer eine grosse Rolle gespielt", erzählt Tante Annie, "die Gastronomie überhaupt.

 

 

Alle Entscheidungen habe ich hier getroffen. Es ist aber nicht nur das. Die Atmosphäre in den jeweiligen Etablissements ist mir stärker in Erinnerung geblieben als die meisten anderen Ereignisse. Stärker als meine vielen Wohnungen, die vielen Arbeitsplätze, mehr als viele Menschen sogar. Wenigstens gilt das letzte für einige, die ich gekannt habe, vor allem für Männer, mit denen ich eine Weile umging, ins Cafe etwa, und die Erinnerung an das Cafe ist, wie gesagt, intensiver geblieben als die Erinnerung an die Menschen, mit denen ich dort saß.

 

Das klingt jetzt vielleicht menschenverachtend, dabei hatten die Entscheidungen in meinem Leben ja immer mit Menschen zu tun, viele auch mit Männern. Möglicherweise kann ich mich an die Atmosphäre der Cafes deshalb besser erinnern, weil die Gefühle für die Menschen zu intensiv waren und ich sie deshalb fast verdrängt habe und statt dessen das Gefühl einer Melancholie wahrnehme, die die Verzweiflung über den Verlust der Menschen, um die es damals ging, einhüllt und die Verzweiflung darüber, dass die Zeit vergeht und die Augenblicke, die wir geliebt haben oder in denen wir geliebt haben, für immer vorbei sind, nicht mehr zurückzuholen, unwiderbringlich. Die Menschen, mit denen ich irgendwann zusammengesessen habe, sind tot oder weggegangen oder haben sich verändert, so wie ich.

 

Was bleibt, ist die Erinnerung, wenigstens das. Aber sie ist ohne Sinnlichkeit, ohne Stofflichkeit. Das einzige, was bestehen geblieben ist, ist der Duft und der Geschmack des Kaffees. Wenigstens das.

 

 

"Von Brüssel aus ist es nicht weit zur Nordsee," erzählt Tante Annie, "ah, das Meer, der offene Horizont, die Weite, der Geruch, die Farbe des Wassers, die sich mit dem Wetter und dem Licht verändert, das Geräusch der Wellen, der helle Sand, die Kolonnen von Muschelschalen, die sich parallel zur Wasserlinie gelagert haben, weisse und graubraune und solche, die blau und grau gemustert sind wie die Stofftaschentücher, die mein Vater früher benutzt hat. Und dann die Möwen, die den Wellen ausweichen, wenn sie den Strand heraufkommen und ihnen folgen, wenn sie sich wieder zurückziehen, immer auf der Suche nach kleinen Fischen oder Krebsen, die sich aus der sicheren Tiefe unvorsichtig ans Ufer wagen.

 

Mein liebstes Strandcafe ist auf Texel. Ich war mindestens hundertmal dort, im Sommer immer auf der Terrasse mit leichtem Sonnenbrand und Eiskaffee und immer mit einer kleinen Menge Sand zwischen den Zähnen. Im Winter drinnen hinter den Fensterscheiben, die ganz milchig werden von der Gischt, die der Sturm wütend dagegen wirft. Dann trinke ich Genever oder Pfefferminztee und sehe den Möwen zu, die sich wie Steine in die Wellen fallen lassen und gleich darauf hinter der Düne verschwinden, auf der mein Cafe hockt und den Gewalten draussen trotzt. Die Terrasse draussen ist leergefegt bis auf die Ecke, in der die Tür ist. Der Sturm schleudert die ganze Zeit heimtückisch Sand dorthin, immer eine Lage auf die andere. Er will uns einsperren. Hinter der Tür steht der Besitzer des Cafes, der Mann hält einen Besen und beobachtet genau, was draussen vor sich geht. Wenn der Wind sich kurz abwendet, weil er abgelenkt ist durch Hagel oder treibenden Strandhafer oder unbedarfte Spaziergänger, reisst der Mann die Tür auf, fegt mit ein, zwei blitzschnellen Bewegungen den Sand in Richtung Weg und zieht die Tür wieder zu, gerade rechtzeitig: Von aussen rüttelt der Sturm voller Zorn daran, er heult vor Wut, dass hinter seinem Rücken seine Versuche uns einzusperren durchkreuzt worden sind. Der Mann geht zufrieden grinsend hinter seine Theke und schenkt heissen Kakao mit Sahne aus. Hinter ihm an der Wand hängen alte Fotos von Kuttern, Rettungsmannschaften und Sturmfluten.

 

Die meistens anderen Strandcafes auf der Insel liegen auf einer Höhe mit dem Wasserspiegel und werden im Herbst zusammen mit den Strandhäuschen weggebracht hinter die Dünen, in Sicherheit sozusagen. Da hocken sie dann den ganzen Winter über und denken wahrscheinlich an nichts.

 

Mein Strandcafe bleibt das ganze Jahr über geöffnet, es liegt ja wie auf einer Klippe über dem Ozean. Von hier aus ist es nicht weit bis in den Himmel

 

 

"Das erstemal war ich vor über vierzig Jahren auf Texel, ich kam von Rotterdam, wo ich damals wohnte," erzählt Tante Annie, "Yves war noch ganz klein, keine drei Jahre alt. Ausser ihm hatte ich nur einen verdammt kleinen Koffer dabei und kaum Geld in der Tasche. Ich war noch sehr jung aber schon ganz schön rumgekommen. Das war die Hippiezeit damals, überall waren junge Leute im Aufbruch Ende der sechziger Jahre. Ich hatte die Schule abgebrochen und war von zuhause abgehauen, mir war das alles zu langweilig. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass ich auch von der depressiven Stimmung in unserem Land weg wollte. Nach dem Krieg war ja nichts wirklich erkannt oder aufgearbeitet worden, alles wurde zugedeckt mit kitschigen Schlagern, Filmen und Moden und mit dem Wirtschaftsaufschwung, und untendrunter waren diese Leere und das Tabu, über die Vergangenheit zu sprechen. Es wurde so getan, als sei nichts gewesen, so war ich grossgeworden. Aber das habe ich damals natürlich noch nicht so gesehen.

 

Mich lockte einfach das Abenteuer, und so war ich seit ein paar Jahren unterwegs , ging zu allen erreichbaren Rockkonzerten, lebte von selbstgebastelten Schnüren und Tüchern, wohnte in sogenannten Kommunen und staunte über alles. Yves war dazugekommen, ich liebte ihn wie ein Kuscheltier, er war jetzt überall mit dabei. Seinen Vater hatte ich nicht mitgenommen nach Texel, er hatte sich zu seinem Nachteil entwickelt, war treulos geworden, ich leckte meine Wunden und suchte nach neuen Ufern. Es war Frühling damals, Anfang Mai, überall auf der Insel grasten Schafe, sie hatten ihre Lämmer bei sich wie ich mein Kind. Die Sonne schien so strahlend wie sie es nur um diese Jahreszeit tut, ich hörte Lerchen singen und Seeschwalben rufen, kleine Wolken zogen eilig über den Himmel. Ich fuhr mit dem Rad bis zum Leuchtturm ganz im Norden der Insel, Yves saß hinter mir im Kindersitz und wir sangen die ganze Zeit. Am Leuchtturm gibt es ein kleines Cafe, in dem es immer ein bißchen stinkt nach Frittenfett. Trotzdem setzte ich mich hinein und sah über die Inselspitze weg nach Ter Schelling. Weiter hinten am Horizont zogen Dampfer. Yves zählte die Sandkörner am Strand und buk Kuchen daraus. Ich wusste, dass ich nicht zurückgehen würde zu meinem Mann. Ich konnte es kaum erwarten, die Zukunft zu entdecken

 

 

"Eine paar Monate habe ich mal in Lausanne am Genfer See gewohnt," erzählt Tante Annie, "der Himmel und die Berge spiegeln sich im Wasser, alles ist klar und blitzsauber: Wasser, Himmel, Berge, keiner würde auf die Idee kommen, etwas auf den Boden zu werfen.

 

Alle Strassen in Lausanne sind steil, die Berge beginnen gleich hinter der Uferpromenade, immer musst du rauf oder runter. Ich war im Sommer dort, keine Ahnung, was sie machen, wenn es Schnee oder Eis gibt. Brücken verbinden die oberen Bereiche der Stadt miteinander, du schaust von dort auf die Unterstadt wie in eine tiefe Schlucht. In die Felswände sind an manchen Stellen Stufen geschlagen, um von einer Ebene zur nächsten zu gelangen.

 

An einer solchen Stelle liegt "Le Barbar", eine Nische im Berg, die ausgekleidet und mit einer Theke und grünen Fenstern dekoriert wurde. Ich muss zugeben, es ist auch schon wieder lange her, dass ich dort saß, vierzig Jahre etwa. Es kamen immer Gruppen von jungen Leuten dorthin, langhaarig, wie damals alle, die auf sich hielten. Ausser Bob Dylan hörte ich hier zum erstenmal Jacques Brel und Serge Regiani, es wurde viel geraucht, das machte die Atmosphäre so träumerisch. Damals wurde immer davon gesprochen, dass man mit Drogen seine Grenzen erweitern könne, aber man müsse kontrolliert damit umgehen. Aber Drogen kann man nicht kontrollieren, denn ihr Wesen ist es ja, die Kontrolle aufzugeben und Grenzen zu überschreiten. Es ist wie im Märchen vom süssen Brei: Die Frau hat ein Töpfchen, mit dem sie sich süssen Brei kochen kann, wenn sie sagt: Töpfchen, koch! Und das Töpfchen kocht und kocht und füllt sich und kocht weiter und der süsse Brei füllt das ganze Zimmer und dann das Haus und schließlich die ganze Strasse und kocht immer weiter, und die Frau ist ganz verzweifelt, weil sie das Zauberwort nicht mehr weiss, mit dem das Töpfchen dazu gebracht wird, aufzuhören. Oder nimm die Ballade vom Zauberlehrling. Die jungen Leute damals wussten nicht, wie man wieder aufhört. Sie verloren sich im Rauch oder in den bunten Träumen. Sie sassen mit mir auf den Steinstufen am Berg aber sie sind nicht wieder aufgestanden. Das ist traurig.

 

Mitte der Siebzigerjahre wollte ich dann Bäuerin werden", erzählt Tante Annie, "damals gab es eine Bewegung, die letztlich an die Zwanzigerjahre anknüpfte. Zurück zur Natur und zum einfachen, selbstgestrickten Leben. Die Studentenrevolte und der Glaube an den Kommunismus hatten ihre grosse Zeit hinter sich. Ich glaubte an eine Zukunft des Lebens auf dem Lande als Entwurf zur Rettung der Menschheit. Akribisch hatte ich mir ausgerechnet, dass die Haltung von einigen hundert Gänsen und einer Schonung Tannenbäume mir in absehbarer Zeit den Lebensunterhalt sichern könnten.

 

Jedenfalls wollte ich vom Landvolk lernen. Ich mietete mich im Winter 77 in einer Bauernhof-WG in der Lüneburgr Heide ein, dort betrieben diplomierte Biologen biodynamischen Gartenbau. Die ersten echten Bauern, die ich zu sehen bekam, sassen grölend auf Kinderschlitten, die sie in langer Reihe hintereinander an einen Traktor gebunden hatten, der querfeldein übere das verschneite Weideland raste. Das war keine typische Beschäftigung für die sonst ernsthaften Landmänner sondern ihr Freizeitausgleich in der eher kargen Landschaft. Der

Alkohol trieb auch die ansässige Jugend regelmässig am Wochenende in die Gräben rechts und links der ausgebauten Wege.

 

Ich buddelte ein bisschen mit meinen Biologen im Boden, fand den Anbau von Kartoffeln und Möhren anstrengend und langweilig zugleich und beschloss, lieber zu studieren.

 

Um Yves und mich durchzubringen, wechselte ich vom Status der passiven Kaffeehausbesucherin hinter die Theke, verdingte mich in einem neueröffneten griechischen Restaurant. Es war die Sensation in der gesamten Umgebung. Vielköpfige Bauernfamilien belegten jeden Abend alles bis auf den letzten Tisch neben den sanitären Anlagen und ich schleppte bis Mitternacht riesige Teller mit dem Nährwert eines kompletten Tagesbedarfs. Der Trumpf der Speisekarte war "flambiertes Eis für vier Personen" als Dessert. Es war beliebt. Meine Aufgabe war es, auf einem weichen Tortenboden in Größe einer Tiefkühlpizza sechzehn Eiskugeln zu platzieren, mit einer halben Flasche Sprühsahne zu garnieren, mit einem zweiten Tortenboden abzudecken, das Getüm an den jeweiligen Tisch zu tragen, mit hochprozentigem Alkohol zu begießen und es dann anzuzünden. Wenn die Flammen erloschen, musste das Teil tranchiert und möglichst anmutig serviert werden. Unter dem Johlen der erwartungsvollen Gäste versuchte ich mein Bestes. Regelmässig erschien dann der Besitzer, der übrigens selber kassierte und sich dadurch mein Trinkgeld einstrich, und schlug mir aufmunternd auf den Po. Am dritten Abend parierte ich das, indem ich ihm eine Ohrfeige verpasste (die Eistorte war leider schon verteilt), mir die alberne Servierschürze herunterriß und dem Laden für immer den Rücken kehrte.

 

"An sich liegt mir kellnern ja," erzählt Tante Annie, "aber es muss ja kein Restaurant sein. Im Zentrum von Lüneburg, am Sande, gab es damals ein Cafe, das besonders an Markttagen rege besucht wurde. Die Gäste suchten sich ihre Tortenstücke an der reichhaltigen Theke aus, steuerten dann zu einem Platz an den dicht gedrängt stehenden Tischchen, zwischen denen ich mich durchschlängelte, um Kännchen und Tässchen, Löffelchen, Gäbelchen, Serviettchen, Sahnehäubchen und Likörchen zu servieren. Schon wollte wieder jemand zahlen und gehen, ich türmte die Gedecke aufeinander, rechnete, quittierte, strich kleine Münzen ein. In meiner Erinnerung kamen an Markttagen stündlich hunderte von Gästen. Mir schwirrte der Kopf, mir schmerzten Arme und Beine und die Mundwinkel vom Dauerlächeln.

 

Punkt 16 Uhr trat der Bäckermeister persönlich in die Gaststube, wurde mit Klatschen begrüßt, winkte nach allen Seiten und klemmte seine massige Gestalt hinter eine elektrische Orgel, die auf einem kleinen Podest an der Wand stand. Er gab dann die schönsten Lieder der Heimat zum besten: Mörike-Vertonungen wechselten ab mit Eichendorff-Liedern, immer wieder wurde die Romantik beschworen, fast alle sangen mit. Ich kann sie alle noch. Hier war die Zeit stehengeblieben, das Mühlrad drehte sich im kühlen Grunde wie damals, die Ähren wogten sacht, und der blonde Hans, der zwischendurch lachend auftauchte, hatte die Mitte des Jahrhunderts überlebt, fast ohne zu merken, dass etwas passiert war, das nicht richtig war.

 

Ich überlegte, ob ich hier endlich bleiben könnte, um mir eine Hütte zu bauen und meine Seele ihre Flügel ausspannen zu lassen. Aber mein Studium ging zuende und ich hörte den Ruf der Großstadt, wo neue, schnellere Musik zu hören war: Die 80er Jahre begannen."

 

"In Düsseldorf gab es in den 80erJahren ein paar Kneipen", erzählt Tante Annie, "da durften die Kellner unfreundlich zu den Gästen sein. Es hat mir grossen Spaß gemacht, da zu arbeiten. Wenn mich jemand nicht nett genug um ein Bier bat, dann bekam er eben keins. Wenn mich einer blöd anquatschte, sagte ich zwei, drei Stammgästen meines Vertrauens Bescheid, und sie setzten ihn vor die Tür. So ergab sich im Laufe der Zeit eine Atmosphäre eines gewissen gegenseitigen Respekts. Das finde ich wichtig.

 

Die Kneipe, in der ich arbeitete, hatte bis spät in der Nacht offen. Es gab tolle Musik, zu der die meisten Gäste einfach tanzen mussten, sie fuhr einem nur so in die Beine. Und sie war verdammt schnell! Das Problem war, dass sie so laut war, dass sich keiner mehr unterhalten konnte. Also tranken die Leute und prosteten sich ständig zu, um eine rudimentäre Kommunikation herzustellen, die meisten blieben bis zum Schluss, weil sie etwas feiern wollten, weil sie Liebeskummer hatten oder einfach keine konkreten Pläne für den nächsten Tag. Das war eigentlich eine grosse Familie da, viele fühlten sich in dieser Kneipe mehr zu Hause als sonstwo. Gegen Morgen torkelte dann alles von dannen, ich spülte die letzten Gläser und schloss ab, denn der Besitzer war schon mit einer der letzten Gruppen die Strasse hinabgezogen.

 

So ging das jeden Abend. Auf Dauer fand ich dann doch deprimierend, es führte zu nichts, es gab keine Perspektive. Wenn ich mich morgens zum Schlafen hinlegte, sangen draussen die Vögel, es duftete aus den Bäckereien, alles war Aufbruch, nur für mich war Feierabend. Eigentlich fand ich, dass es Zeit wäre für einen Prinzen auf einem weissen Pferd, der mich nach der Arbeit abholen würde.

Der Ritter kam dann auch," erzählt Tante Annie, "allerdings nicht auf einem Pferd sondern auf einem Fahrrad. Ich durfte mich auf den Gepäckträger setzen. Mir fiel ein, dass es vor vielen Jahren schon einmal eine Geschichte in unserer Familie gegeben hatte, die mit einem jungen Mann und einem Fahrrad angefangen hatte. Wiederholt sich alles? Vielleicht ist es aber auch keine wirkliche Wiederholung sondern einfach ein neuer Ansatz, ich denke ja seit langem, dass Kinder erst mal den Level ihrer Eltern erreichen müssen und dann die Geschichte weiterentwickeln können, aus Fehlern lernen, nach Alternativen suchen. Meine Mutter hat ihr Leben lang Decken bestickt, das war ihr Ansatz, die Welt schöner zu machen. Deine Mutter hat ihren ganzen Ehrgeiz darein gesetzt, zu kochen und zu backen für ihre Lieben. Sie hat Dir ein Kochbuch vermacht, in dem alle ihre Rezepte stehen. Und was wirst Du tun? Ich bin gespannt."

 

Wir sassen in Tante Annies Lieblingseiscafe am Park und sie hatte einen Krokantbecher bestellt. "Weich und süß mit ein paar harten Bröckchen darin, die aber zu knacken sind, genau wie in meinem Leben," sagte sie. "Für mich war es meistens wie dieser Eisbecher - überwiegend prächtig und verlockend. Nicht immer so wie auf der Karte, vielleicht weniger Hochglanz aber dafür immer wieder überraschend."

 

Sie kratzte den Rest aus ihrem Becher. "Hierher kam ich fast jeden Tag, als Gloria klein war. Mein Ritter hatte sein Fahrrad gegen einen Kleinlaster eingetauscht. Ich hoffe, er hat gewusst, dass er nicht so leichtfüßig davonkommen würde, als er mich damals auf den Gepäckträger einlud. Darüber haben wir noch nie gesprochen. Schwamm drüber. Gloria schlief sehr wenig, wir zogen immer mit der Morgensonne und auch bei Regen los. Sie bekam von der Bedienung Schirmchen auf ihre Eiskugeln und manchmal sogar einen Schmetterling oder eine Blume aus knisterndem Papier. Meine Freundin kam mit ihrem kleinen Sohn, die Kinder spielten, und wir sassen bei jedem Wetter hier, tranken Kaffee und fütterten die Kleinen mit dem Gefrorenen. Es war ein bisschen langweilig aber es war auch eine Zeit, in der ich mich vollständig fühlte.

 

Ich sang viel mit Gloria, las ihr Geschichten vor und betrachtete hingerissen ihren Glanz. Ich ging für ein paar Jahre nicht arbeiten, denn ich wollte sie lieber selber umarmen als das anderen zu überlassen. Ich wollte, dass die Welt ihr zur Verfügung stand, wann sie es wollte und ihr nicht von Anfang an beibringen, dass sie sich nach den Zeiten der anderen zu richten hat, das würde sie später sowieso lernen.

 

Manchmal kam Yves vorbei, der ja schon gross war. Er arbeitet natürlich in der Gastronomie. Und deine Eltern holte ich oft zuhause mit dem Auto ab, um irgendwo Kaffee trinken oder essen zu gehen. Sie waren schon sehr gebrechlich. Dein Vater versuchte sich aber immer noch kerzengerade zu halten, preußisch erzogen, wie er war. Deine Mutter stritt ständig mit mir über meinen Erziehungsstil. Wenn sie von etwas erzählten, was sie schön fanden, dann war es immer etwas aus der Zeit von vor dem Krieg. Sie haben sich nie wieder von dieser Zeit erholt, wenn du mich fragst. Jetzt sind sie schon lange tot. Und wir sitzen hier und reden immer noch. Weisst Du was, ich glaube, ich werde bald selbst ein Cafe aufmachen. Ich habe noch nicht genug vom Leben.

 

Der Inbegriff aller Cafes oder, vielleicht besser gesagt, was ich unter dem Cafe meiner Träume verstehe," erzählt Tante Annie, "ist eins, das ich nur im Vorbeifahren gesehen habe. Es war mitten in Brüssel, ich saß im Auto auf dem Beifahrersitz, ich weiss nicht mehr, neben wem. Ich kenne auch die Strasse nicht, in der das Cafe lag, wer weiß, ob ich sie wiederfinden würde oder ob es heute überhaupt noch dort ist.

Jedenfalls war es ein warmer Sommernachmittag. Die Fenster und Türen des Cafes waren geöffnet, genauso wie die Fenster im Auto, deshalb konnte ich die Musik hören, sonst hätte ich vielleicht gar nicht hingeguckt.

Wir fuhren sehr langsam, die Strasse war voller Autos, es war wohl ein Samstagnachmittag, da fahren ja viele ins Centrum, um einzukaufen. Überall liefen Menschen mit Tüten und Körben oder bummelten untergehakt in der Sonne.

Die Musik war eine Art Unterhaltungsmusik, ich konnte ein Akkordeon und ein Schlagzeug erkennen, es klang wie Livemusik, nicht besonders ordentlich oder flott, wahrscheinlich war wirklich eine Kapelle zugange. Was ich sah war, dass die Leute tanzten. Sie tanzten paarweise, langsam, an einem hellerlichten Nachmittag mitten in der Stadt zu den Klängen dieser Musik. Die Einkäufe waren erledigt worden, man hatte die Tüten neben und unter die Tische und Stühle gestellt, sich Erfrischungen und vielleicht etwas Alkohol bestellt, man tanzte oder saß und guckte und redete und hörte zu.

Das ist für mich der Inbegriff des Erstrebenswerten: Die Basics sind gesichert, die Atmosphäre ist entspannt, ein paar Menschen sind zusammengekommen an einem Ort, um es sich gut gehen zu lassen. Das ist für mich Glück.“