Fahrt ins Blaue


Fahrt ins Blaue

 

Ich hasse Bahnfahren. Stinkt, ist unpünktlich, zu viele Leute, rauchen darf ich auch nicht, und wenn ich einem die Füße runter haue, die er auf den Sitzplatz neben mir gelegt hat, legt er sie gleich wieder drauf. Fast alle essen übles Zeug aus Pappschachteln oder telefonieren, der Lautstärke nach zu urteilen, nach Übersee. Ich taste nach meinem Pfefferspray, da kommt der Kontrolleur.

Zwei ältere Männer steigen zu, setzen sich ächzend, ordnen Jacke und Hosenbeine und der eine führt eine Rede fort, die er wohl draußen begonnen hat:

"...wenn Du ankommst auf der Party, ist alles neu und aufregend. Du unterhältst dich prächtig, lernst Leute kennen, triffst Freunde. Du isst und trinkst, tanzt vielleicht, erzählst, hörst zu, schmiedest Pläne, das alles geht so stundenlang..

Es wird spät. Es ändert sich nichts an den äußeren Umständen, die Menschen bleiben dieselben, es gibt immer noch Essen und Getränke und Musik.

Aber Du kennst jetzt alles, du fängst an, dich zu langweilen. Du hast alles ausprobiert, gemacht, genossen.

Du kannst alles noch ein paarmal machen, es sind Wiederholungen.

Dann merkst Du, diese Party ist wie Dein Leben. Oder, nein: Das war dein Leben."

Die beiden sehen aus dem Fenster.

Der Kontrolleur tritt heran: "...Zugestiegene die Fahrkarten bitte..."

Der Redner setzt sich kerzengerade und sagt über den Kopf des Kontrolleurs hinweg: "Lassen Sie mich doch in Ruhe!"

 

Ich sehe hinaus in die gelbgrüne Landschaft. Die Schwalben sind auch schon wieder weg.

 

An der nächsten Haltestelle wartet eine alte Dame, die einen schwarzen Stock mit sich führt. Sein Fuß ist gummiert, die Krücke mit silbernem Metall veredelt, das sehe ich schon durchs Fenster. Sieht sehr chic aus, eignet sich womöglich als Alternative zum Rollator, denke ich bei mir. Die Nummer werde ich nämlich nicht mitmachen, das habe ich mir schon vor Jahren geschworen.

Beim Einsteigen teilt die Dame entschlossene Schläge mit diesem Stock aus, um sich Platz zu schaffen zwischen den Pendlern, die abgestumpft den Eingang blockieren. Dann sind die Fahrräder dran, die genauso ungünstig im Gang platziert sind. Nicht schlecht!

Achtung, jetzt blickt sie in meine Richtung. Ich ducke mich leicht, sie setzt sich aber nur auf den freigewordenen Platz neben mir. Ich lächle erleichtert, da sieht sie mich direkt an.

"Schwalben," sagt sie, denn wahrscheinlich hat sie meine Gedanken von vorhin gehört, "Schwalben und Sommer, ach...Der Sommer dies Jahr war genau wie jeder vergangene Sommer der schönste und traurigste, den es je gab. Es ist ja immer so: Der Himmel ist hoch und blau, die Schwalben stürzen aus der hellen Ferne in den Hinterhof, schreien, schwingen sich wieder auf, fliegen zu zweit oder zu zehnt hin und her und hin und her, lassen sich wieder sacken, steigen wieder hoch, alles ist mühelos und sieht aus wie ein zielloses Spiel. Dabei weiß ich genau, dass sie ihren Abflug vorbereiten. Sie sind ja nur hier, um ihre Nester zu bauen, ihre Jungen aufzuziehen, und sobald die stark genug sind, werden sich alle auf die Reise machen. Ein Kreis noch, ein niedriger Flug über den brackigen Teich, bei dem sie sogar mit den Flügelspitzen die Wasseroberfläche streifen,  ein Abschiedsgruß, eine elegante, gewagte aber wohlüberlegte Geste, kühn, gönnerhaft. Sie sind schon auf der Reise, ihre Gedanken nach vorn gerichtet. Ein zerstreutes Lächeln noch für uns, die zurückbleiben: Ja, es war schön, aber halte mich nicht auf, sagen die glänzenden schwarzen Augen, die mich sekundenlang von der Seite mustern. Und mir bleibt, den Blick auf die Erde zu senken, zu der ich gehöre. Ich hasse es, zurückgelassen zu werden."

Sie lehnt sich zurück, klopft mit dem Fingernagel gegen den silbernen Beschlag ihres Stocks, ich erwarte, dass sie ihn aufschrauben und einen Flachmann hervorholen wird wie in alten englischen Krimis. Aber sie schließt die Augen.

 

Oh nee, jetzt fängt einer der Rentner aus der Reisegruppe weiter vorn an zu schreien.

"Banaan! Bananeen!" brüllt er und hält einen Bildband hoch, auf dessen Titelbild ich die Dresdner Frauenkirche erkenne. "Da habe ich zum ersten Mal Bananen gekriegt! Da sind wir hin und da standen die und haben echt Bananen verteilt! Mir hat der linke Fuß wehgetan aber ich bin weitergelaufen. Dann war es ganz nass im Schuh, das war Blut, ich hatte eine Reißzwecke drin. Aber da war Stimmung!"

"Also, ick erinner mir noch jenau wie der Rudi dann den Stand mit Würstchen jemacht hat anner Transitstrecke. Dat jing so drei Tage, dann musste er wieder weg. Dat macht jetz MacDonalds," mosert ein Berliner aus der Reisegruppe, "von wegen joldener Westen. Die ham sich uns janz schön inne eigene Weste jesteckt."

"Aber jetz ham wer die Waldschlösschenbrücke!" meldet sich eine Dame zu Wort. "Das war mal echte Demokratie!

Und das haben die Dresdner selbst so entschieden, richtige Bürgerbefragung. Weltkulturerbe hin oder her, wir haben uns gewehrt! Und dass bei alledem auch an die gedacht wurde, die sich nicht wehren können: Sie haben das so gemacht, dass die Fledermäuse dort weiter fliegen können, die haben jetzt einen eigenen Park."

"Eine Fledermausleitbahn," berichtigt sie der Mann mit dem Bildband. "Jau, die Kleine Hufeisennase!"

Die Dame hat feuchte Augen bekommen, ich auch, und alle lächeln berührt. Endlich wieder ein Grund, stolz zu sein auf meine Land, denke ich.

"Und darauf trinken wir jetzt einen!" Der Berliner holt eine pralle Jutetasche aus dem Gepäcknetz und verteilt kleine Fläschchen. Man hört Glas klirren und dann ein mehrstimmiges "Prost! Auf die Zukunft! Und auf die kleine Hufeisennase!"

Da meldet sich schon wieder der Berliner zu Wort:"Aba ick hab gehört, det es da jar keene mehr..."

Mist, jetzt klingelt mein Handy.

„Norbert Siegfried Arnolds hier..."

"Ähm...."

"Ich möchte die Dame sprechen, die neben Ihnen sitzt!"

"Ähmm...Wie bitte? Sie wollen...Woher wissen Sie...?"

"Gnädige Frau, selbstverständlich wissen wir, wer neben Ihnen sitzt. Und wir wissen auch, wer Sie sind und woher Sie kommen und wohin sie fahren. Wir konnten Sie problemlos orten, ein Kinderspiel im Zeitalter der elektronischen Kommunikation. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Bitte reichen Sie jetzt Ihr Mobiltelefon weiter, danke!"

Die alte Dame neben mir hat sich aufgerichtet und sieht mich finster an. "Ich will mit keinem sprechen." Sie lehnt sich wieder zurück und schließt erneut die Augen. "Arnolds, nehme ich an..."murmelt sie. "Der Drecksack. Nirgends hat man vor dem und seinem Verein seine Ruhe."

"Herr Arnolds?" sage ich in mein Handy, "Sie will Sie nicht sprechen. Auf Wiederhören." Ich drücke auf den Trennknopf und schalte das Gerät vorsichtshalber ganz aus.

Ich sehe meine Nachbarin erwartungsvoll an. Sie sieht an mir vorbei in die Ferne, eine Maske der Ablehnung und Entrüstung. "Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen sage, was er von mir will. Besser, Sie denken gar nicht darüber nach. Lohnt sich eh nicht."

Plötzlich legt sie ihre Hand auf meine. "Am besten denken Sie über gar nichts nach, Kindchen. Wir wollen uns doch den Tag nicht vermiesen. Heute soll ein schöner Tag sein!" Sie lächelt und wirkt jetzt ganz sanft und mild. Ich entspanne gerade, da kommt schon wieder der Kontrolleur.

Devot ziehe ich zum zweiten Mal innerhalb von dreißig Minuten meinen Fahrausweis aus der Tasche, aber er winkt ab: „Den dürfen Sie ruhig wieder einstecken!“

„Dürfen? Wer sind Sie denn, dass Sie sich hier so aufspielen?“ giftet der Kerzengerade von vorhin mit schmalen Augen. Die Rentner weiter vorn johlen und pfeifen höhnisch.

„Aber ich will doch nur einen Anruf weiterreichen!“ begehrt der Kontrolleur auf. Er wendet sich an die alte Dame: „....ein Herr Arnolds möchte Sie sprechen...“

Sie nimmt das Mobilteil ausdruckslos entgegen, lässt es zu Boden gleiten und zertrümmert es mit gezielten Stößen ihres versilberten Spazierstocks. Das ist noch Qualität, denke ich bei mir.

Der Kontrolleur steht fassungslos und beginnt dann zu schluchzen. „Das ist...das dritte Mal diese Woche...Ich...kann doch auch...nichts dafür...habe die Tarife nicht...gemacht....will doch nur Geld verdienen...Alle sind so....gemein....“ Er lässt sich schwer gegen meine Schulter sinken und steckt den Daumen in den Mund.

„Nun, nun...“ summt die Alte begütigend. „Das sollte ja ga nicht gegen Sie gehen. Aber Arnolds, dieser Hund, muss endlich Ruhe geben.“

„Wat will der Kerl denn?“ fragt der Berliner, der sich  uns mittlerweile zugesellt hat. Die alte Dame atmet tief ein. „Er will mein Herz.“ Sie verzieht abschätzig den immer noch schönen Mund. „Mein Herz, meine Nieren, meine Augen und was sonst noch zu gebrauchen ist von meinem Körper. Er und sein Verein wollen, dass ich ihnen meine Organe vermache. Gegen eine Abfindung, sagt er, von der meine Kinder ihre Schulden bezahlen könnten. Oder als Anzahlung für die Ausbildung der Enkelkinder. Er kennt unsere Familiensituation ganz genau. Neuerdings droht er. Er hätte gute Freunde bei den Krankenkassen und bei der Rentenversicherungsanstalt. Irgendwann müsse ja mal Schluss sein. Aber ich will noch nicht abtreten.“ Entschlossen stößt sie wieder mit dem Stock auf den Waggonboden. Der Kontrolleur an meiner Schulter zuckt zusammen.

„Wir kennen den Arnolds ooch!“ ruft der Berliner. „Dem sein Verein hat uns eingeladen zu so ner Informationsveranstaltung mit Schiffstour und allem Drum und Dran!“ Er beginnt mit der alten Dame zu tuscheln. Der Kerzengerade und sein Nachbar haben sich in ein Reiseschachspiel vertieft.

Langsam kommt der Zug wieder zum Halten. Eine Kindergartengruppe steigt zu. Zwanzig Jungen und Mädchen drängen herein, sie tragen Rucksäcke, die fast so groß sind wie sie selbst. Zwei Begleiterinnen umkreisen sie wie Tauben ihre Jungen, ordnen und zupfen und gurren, bis alles leise schnatternd und glucksend sitzt. Draußen steht eine Traube Erwachsener, wohl die Eltern. Die Männer winken aufmunternd, die Frauen sehen traurig aus. Eine weint. So ein Theater, denke ich, in spätestens einer Woche sind die Blagen doch sicher zurück.

Der Zug setzt sich wieder in Bewegung, alle winken, dann ziehen draussen wieder graue Häuser vorbei, ich sehe Müll und leere Flaschen auf dem Nachbargleis, eine Mauer, auf die ein Graffittikünstler „Verhaltet Euch ruhig“ gesprüht hat, dann die Aussage „Geld macht dumm“, daneben „Armut auch“.

Die Betreuerinnen teilen Haselnussschnitten und Einwegtrinkpaks aus. Ich lächle vier Gören an, die mir schräg gegenüber sitzen. Eins streckt mir zum Dank die Zunge heraus. Mir wird das zu viel, ich packe meine Bücher aus, die ich schon die ganze Zeit lesen will.

Da ist „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“, die Neuauflage eines Aussteigerklassikers aus den Siebzigerjahren, und ich habe „Der Rattenfänger von Hameln“ dabei, beides willkürlich aus dem Regal gegriffen im letzten Moment, es war noch dunkel, als ich zum Bahnhof musste.

Mist. Das Aussteigerbuch fand ich schon vor vierzig Jahren ziemlich oberflächlich, die aufgeführten Rezepte ergaben nachgekocht ziemlich böse Überraschungen, die Tipps zum Überleben in der Wildnis hatte der Autor wahrscheinlich nicht ausprobiert. Also „Der Rattenfänger von Hameln“, wobei ich natürlich weiß, dass auch diese Geschichte erlogen ist wie nur was, denn in Wirklichkeit hatte ja kein Bösewicht die Kinder wie Ratten ins Wasser gelockt, sondern die Hamelner Bürger hatten ihre eigenen Kinder mit einem Werber weggeschickt zur Besiedlung der Ostgebiete, weil sie so klamm waren. Von den Kindern hat man nie wieder etwas gehört, und weil sich die Hamelner Bürger so geschämt haben, erfanden sie diese Geschichte mit dem Rattenfänger.

Ich schlage die erste Seite auf und horch, da beginnt auch schon eine Flöte  zu spielen!

Die Kinder im Waggon fassen sich bei den Händen und fangen an zu singen: „Ein belegtes Brot mit Schinken, ein belegtes Brot mit Ei, das sind vier belegte Brote, eins mit Schinken, eins mit Ei! ...Zwei belegte Brot mit Schinken, zwei...“ Die Betreuerin, die nicht Flöte spielt, gibt die Zahlen vor. Rechnen auf Vorschulniveau, danke ich, aha. Bloß keine Zeit verlieren!

Das Singen geht so eine gute halbe Stunde lang, dann sind wir bei 97 belegten Broten angelangt und ich überlege gerade, ob ich das Abteil wechseln soll, da ermannt sich der Kontrolleur, der die ganze Zeit an meiner Schulter gedöst hat. Er erhebt sich ächzend und fordert von der Betreuerin, die immer noch die Flöte bläst, die Fahrausweise.„Wohin soll denn die Reise gehen?“

„Wir fahren nach Dresden,“ ist die Antwort, „die Kinder fahren sozusagen zur Kur. Sie werden mit einem Schiff die Elbe hinunterfahren in die Lausitz und dann in einem Erholungsheim gründlich untersucht und aufgepäppelt werden. Das sind arme Kinder...“ fügt sie mit unterdückter Stimme hinzu, „die Eltern alle HartzIV. Die kriegen die Fahrt bezahlt und sogar noch was dazu, denn die Kinder sollen auch ein ganz neues Medikament ausprobieren dürfen. Ist alles mit der Krankenkasse abgestimmt, sagt Herr Arnolds, der sie in Dresden in Empfang nimmt.“

 „Arnolds?!“ rufen wir im Chor.

„Ja,“ erwidert die Betreuerin erstaunt. „Norbert Siegfried Arnolds“.

Einen Moment herrscht Stille, dann springen wir alle auf.

„Das kommt nicht in Frage!“ Wütend stößt die alte Dame wieder mit dem Stock. „Tun Sie doch etwas!“ herrscht sie den Kontrolleur an.

Die Rentner packen ihre Flachmänner weg und kommen drohend näher. Der Kerzengerade macht eine Ruhe gebietende Gebärde, die nur die Kinder ignorieren. Sie plappern und kichern und schubsen und haben nicht zugehört, wie immer.

Wir Erwachsenen rotten uns am Ende des Waggons zusammen. Viel wird nicht geredet.

Der Kontrolleur bricht den Nothammer aus seiner Befestigung in der Waggonwand. Er holt zwei Schaufeln aus dem Wandschrank an der Tür mit der Beschriftung „Streusalz“. Dort findet er auch den Erste-Hilfe-Kasten. Der Kerzengerade und sein Freund langen zwei Angeln aus dem Gepäcknetz. Sie breiten eine Wanderkarte vom Thüringer Wald aus. Ich weise „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“ vor, die Rentner ihre Alkoholvorräte, die Betreuerinnen rund zwanzig Kilo Müsliriegel und Studentenfutter. Wir zählen unser Geld.

Wir verlassen in Meissen den Zug, die Kinder gehen im Gänsemarsch zwischen uns. Sie singen schon wieder: „Wenn wir fahren übern See, wo die Fischlein schwimmen, freuet sich mein ganzes Herz, fröhlich wolln wir singen...Eri, Peri, hier sind wir, der Goldfisch, der Goldfisch, er folge mir!“

 

 

Wir decken uns in einem Landhandel mit Saatgut, Tierfallen, Werkzeugen, Decken und einer Knarre ein. Die Augustsonne scheint warm und sanft. Kurz hinter dem Stadtrand verlassen wir den Weg und schlagen uns in die Büsche, die sich weich und still hinter uns schließen wie eine freundliche grüne Wand.