Das Leben mit 60


Das Leben mit 60

 

"Jetzt ist es passiert" , sagte neulich meine Freundin Birgit, "ich bin 60". Grauenhaft. Sehr viel mehr als dreissig Jahre wird es nicht mehr geben. Dreissig Jahre sind schnell rum. Ich erinnere mich sehr genau daran, wie es war, als meine Freunde und ich dreissig wurden. Der Spruch "Trau keinem über dreissig" hing als Damoklesschwert über den Partys, die wir damals mit dem Mut der Verzweiflung veranstalteten, denn dreissig bedeutete den endgültigen Abschied von der Jugend, mit der man bis dahin immer noch fehlende Berufsabschlüsse entschuldigen konnte oder seine Unfähigkeit zu geordneten Verhältnissen . Von nun an gehörte man zu den Leuten, die man früher nicht als gleichwertig anerkannt hatte. Sechzig aber bedeutete damals gar nichts, denn es war ausgeschlossen, dass man selbst irgendwann so alt wäre. Absurde Vorstellung. Schon Fünfzigjährige waren Wesen aus einer anderen, befremdlichen Welt, mit der wir nichts zu tun hatten und auch nie zu tun haben würden.

 

Hätte ich damals an einer Umfrage teilgenommen mit dem Titel :"Was fällt Ihnen zu Älteren Menschen ein?", dann hätte ich herablassend lächelnd geantwortet: Schlechter Geruch. Doofe Klamotten. Gefährliche Autofahrer, besonders, wenn sie Hüte tragen. Missgünstig. Egozentrisch. Langweilig. Unsympathisch. Faltig.

 

Würde ich heute an einer Umfrage teilnehmen mit dem Titel: "Was fällt Ihnen zu jüngeren Menschen ein?", würde ich das gleiche sagen, bis auf faltig, das würde ich auszutauschen in "die Jungen sind zu glatt".

 

Ich habe die Seiten gewechselt."

 

"Aber heute sehen die Leute mit sechzig doch nicht mehr so aus wie früher," versuchte ich, meine Freundin Birgit zu beruhigen.

 

"Ich bin mir da nicht so sicher," erwiderte sie. "Unsere Wahrnehmung hat sich vielleicht nur verändert. Nehmen wir mal meine Tante Gertrud. Als ich zehn war, kam sie zu Besuch . Sie war damals Mitte fünfzig (also viel jünger als ich heute) und trug eine Blumenkohlfrisur, d i e Trend-Frisur der meisten erwachsenen Frauen damals, dazu ein dezentes Bärtchen und einen Truthahnhals, an dem ich ab und zu zupfen durfte. Ihre Haut sah aus wie die eines aufgetauten Tiefkühlhähnchens. Wenn abends die Deckenlampe in unserem Wohnzimmer angeknipst wurde, fielen tiefe Schatten auf Tante Gertruds Gesicht und ließen ihre Wangen absacken.

 

Natürlich habe ich daraus gelernt: Dauerwelle verbietet sich von selbst, ich weiß nur noch nicht, was ich machen werde, wenn der Haarausfall anhält. Andererseits die zunehmende Gesichtsbehaarung: Ich finde, Bärte sehen richtig gut nur an Männern aus, also zupfe ich und zwar nicht nur an meinem Truthahnhals. Ich trage in Gesellschaft den Hals gestreckt. Ich setze mich nicht unter Deckenlampen, eigentlich vermeide ich helles Licht grundsätzlich, auch morgens im Bad, vor dem Ganzköperspiegel.

 

Dabei ist es hilfreich, dass mein Augenlicht schwächer wird.

 

Ich habe noch ein Foto von Tante Gertrud. Sie hat eine Augenbraue hochgezogen und lächelt mich herablassend an. "Ist doch alles nur Fassade", scheint sie zu flüstern, "auf die inneren Werte kommt es an!"

 

Ja, wenn das nur alle wüssten!

 

Das Äußere ist nur Fassade, na ja. Aber auch Fassaden müssen im Laufe der Zeit restauriert werden.. Auch wenig eitlen Menschen bleibt es mit fortschreitendem Alter nicht erspart, hier hin und wieder zu investieren, um den Totalverfall zumindest hinaus zu zögern. Noch ist Substanz da, ein wenig Mörtel, ein paar Schrauben und etwas Titan an den richtigen Stellen stützen das alte Gemäuer.

 

Die Gespräche zwischen den Freunden drehen sich neuerdings immer öfter um ein Ziehen im Arm (Tunnelsyndrom?!), deformierte Füße, die nicht mehr in die Stiefel passen wollen (Hallux Valgus?!) oder von den Schultern her aufsteigende Kopfschmerzen (Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule?!). Wahrscheinlich verabreden wir uns demnächst zu Kuraufenthalten in Bad Neuenahr, wo wir dann in den Wettbewerb treten: Wem geht es am schlechtesten?

 

Ich finde das nicht witzig. Ich fürchte mich. Manchmal danke ich, die Alten werden in naher Zukunft zum Abschuss frei gegeben. werden. Gegen Prämie.

 

Also verhalte ich mich am besten ruhig und möglichst unauffällig. Jeder könnte der Feind sein.

 

Fast alles kann man ja mittlerweile übers Internet regeln, ohne dabei jemandem real gegenübertreten zu müssen. Haushaltswaren, Lebensmittel und Getränke bestelle ich und lasse sie anliefern. Natürlich nur bis vor die Wohnungstür. Nachts hole ich die Sachen dann rein.

 

Viel mehr brauche ich gar nicht. Zum Glück lese ich ja sehr gern. Ich mache es mir also gemütlich und betrachte das Ersatzteillager um mich her: Die Augentropfen, die Stützstrümpfe, die Schrundencreme für rissige Hände und Füße, die dritten Zähne im Glas, die Betablocker, den Angora-Nackenwämer.

 

Dann mache ich mir ein Gläschen Cognac warm, öffne eine Schachtel Pralinen und dann mein Buch. Herrlich!

 

Was die Kleidung angeht, habe ich es jetzt natürlich viel leichter als früher. Da galt es, einen eigenen Stil zu erfinden und ihn alle paar Jahre ein wenig abzuändern um sich verändernden Lebenssituationen anzupassen.

 

Das habe ich nicht mehr nötig. Aber von jetzt an kann ich es eigentlich nur noch falsch machen: Gewollt jugendlich oder Oma.

 

Der Schein formt das Bewusstsein. Oder war es umgekehrt?

 

Ja, also nun die inneren Werte. Wenn ich alt bin, werde ich gütig und verständnisvoll, dachte ich früher. Das Gegenteil ist der Fall! Ich bin durchaus verständnisvoll. Aber nicht blöde. Das Leben lässt mir kaum eine Möglichkeit, gütig zu sein. Ich denke gar nicht daran, Jüngeren Platz zu machen, wenn sie mir im Rudel entgegenkommen und den gesamten Bürgersteig vereinnahmen. Natürlich schubse oder remple ich nicht. Ich bleibe einfach aggressiv stehen. Wichtig ist es, dabei den Gegner starr zu fixieren. Nicht zu Boden sehen, sondern den Angreifern direkt in die Augen. Den Stockschirm in Anschlag bringen. Dann zieht die Rinderherde in der Regel rechts und links vorbei.

 

Andere Rentner scheinen ähnlich zu denken. Neulich beobachtete ich zum Beispiel, wie eine alte Dame mit ihrem Rollator durch den Supermarkt preschte. Entgegenkommende Konsumenten pressten sich ängstlich in die Auslagen. Ein solide wirkender Mann sprang behende beiseite, brachte dabei aber einen Turm aus Gläsern mit Schattenmorellen zum Einsturz, die krachend zerbarsten. Die alte Dame erreichte das Milchregal, setzte den Rollator elegant in eine Parallellposition und schubste einen Kinderwagen zur Seite, den eine rücksichtslose junge Mutter genau dort abgstellt hatte. Ich verstehe manchmal wirklich nicht, was heutige Mütter im Kopf haben. Ein bisschen Respekt können die Senioren doch wohl erwarten, oder?

Auch an der Kasse lohnt sich beherztes Vorgehen durchaus. Wenn die Jüngeren schon nicht von sich aus auf die Idee kommen, einen offensichtlich bejahrten Menschen vorzulassen, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Unbelehrbaren den Rollator in die Fersen zu stoßen.

Einmal im Monat treffe ich mich mit meinen Freundinnen zum Kaffeekränzchen. Wir kennen uns seit Jahrzehnten. Ich sehe diese Treffen als eine gute Grundlage für eine spätere Alters-WG.  Statistisch gesehen werden unsere Männer ja vor uns sterben. Und dann sind wir nicht so allein. Jede meiner Freundinnen hat irgendwelche Macken, derentwegen ich ihnen eigentlich schon längst die Freundschaft hätte kündigen sollen. Aber dann wäre ich ja völlig vereinsamt. Ich liebe sie also alle sehr.

"Jedenfalls haben wir mehr Erfahrung als die Jüngeren," sagt neulich meine Freundin A., als wir wieder einmal beisammen sitzen. "Ich möchte nicht mehr zwanzig sein. Gott, war ich damals unsicher. Und ständig unglücklich verliebt. Und hatte keine Ahnung, was ich werden wollte."

"Also, ich wäre schon gern noch mal zwanzig," sagt meine Freundin B. "Unsicher bin ich heute auch wieder, vor allem bin ich weniger mutig. Ich springe zum Beispiel nicht mehr vom 10-Meter-Brett, auch nicht mehr vom Fünfer. Ehrlich gesagt fürchte ich, dass ich schon den Herzkasper bekomme, wenn ich im Sommer aufs Dreier gehe. Unglücklich verliebt bin ich zwar nicht, aber ich verliebe mich überhaupt nicht mehr. Das ist doch langweilig. Mir fehlen wahrscheinlich einfach die Hormone. Ohne die klappt es eben nicht mehr.

Und was ich werde will, wenn ich aufhöre zu arbeiten, weiß ich auch noch nicht. Und was die Erfahrung angeht, die kann ich in der Pfeife rauchen, die will jeder selber machen. Was für Erfahrung überhaupt? Was wir weitergeben könnten, ist doch alles längst überholt durch die technische Entwicklung und den Verfall der Sitten."

"Vielleicht wird das ja alles wieder," sagt meine Freundin C., die wirklich sehr, sehr ausgeglichen und zufrieden wirkt. Sie behauptet ihren Platz in der Welt durch ständig zunehmende Präsenz. In den letzten zwanzig Jahren waren das ungefähr zwanzig Kilo und gerade legt sie nach in Form eines weiteren Stücks Torte. Vielleicht wird sie ja die dickste Frau der Welt und lässt sich auf der Kirmes ausstellen, für viel Geld. Das wäre doch eine Perspektive. Aber als ich ihr das vorschlage, ist sie beleidigt.

"Aber wir sind jedenfalls weniger egoistisch als früher," sagt meine Freundin D. "Wenn ich uns hier so sehe, dann weiß ich, dass jede sich um die andere kümmert, wenn es ihr mal schlecht geht, und dafür auch eigene Bedürfnisse zurückstellt."

Weil wir wollen, dass sich die anderen auch um uns kümmern, denke ich traurig, und weil wir nicht mehr viele Bedürfnisse haben. Wir wissen zu viel, um uneigennützig zu sein. Wir sind nicht weniger egoistisch, sondern berechnender.

 

Und was ist jetzt mit der ganz langfristigen Perspektive?

In den Himmel kommen ja die Guten, heißt es. Aber wer entscheidet dort oben, was gut ist? Hier unten jedenfalls scheint das nicht immer klar zu sein.

Ich stelle es mir dort oben ein bisschen anstrengend vor. Hier unten hatten wir ja die Wahl zwischen Gut und Böse und konnten uns manchmal, wenn wir nicht ganz so gut waren, hinter denen verstecken, die noch böser waren. Außerdem konnten wir bereuen und uns bemühen, besser zu werden.

Da oben sitzen wir dann aber die ganze Zeit nur zwischen anerkannt Guten. Und was mit denen passiert, die mal etwas falsch machen, hat man ja an Luzifer gesehen: Ab in die Hölle! Wahrscheinlich sitzen da oben immer alle zusammen und passen auf, ob einer etwas Böses tut. Es wird möglicherweise darüber Buch geführt, vielleicht gibt es Listen wie zu meiner Schulzeit: Sternchen für gute Taten und schwarze Kreuze für böse.

Wird es Denunzianten geben? Mit wie vielen schwarzen Kreuzen wird man in die Hölle verstoßen? Wer entscheidet das? Wer führt es aus? Und ist es nicht auch schon wieder böse, jemanden in die Hölle zu stoßen? Fragen über Fragen.

So toll wird es im Himmel also vielleicht gar nicht. Allerdings, die Hölle wäre auch keine Alternative. Schlecht für den Kreislauf und den Blutdruck, wegen der Hitze.

Vielleicht ist das ja der Grund für die muffigen Mienen so vieler älterer Menschen: Keine wirklich annehmbare Perspektive ...

 

Aber vielleicht gibt es ja doch die Wiedergeburt, oder ein körperloses nächstes Leben , immer und überall sein und in Allem.

Das wäre auch ein schöner Trost für diejenigen, die ich zurücklasse: Aus jedem Baum oder Stein oder jeder Wolke würde ich ihnen zuwinken und sie müssten nicht um mich trauern, denn ich wäre ja noch immer und für immer da.

Wenn es möglich wäre, würde ich auch gern eine Tochter der Luft wie die kleine Seejungfrau in Andersens Märchen, die alles opfert, um eine unsterbliche Seele zu erhalten. Am Ende, nachdem sie der Prinz aus Dummheit nicht erkannt hat und eine Andere heiratet und die Seejungfrau deshalb ohne unsterbliche Seele sterben muss, erwacht sie als Geistwesen wieder, als eine Art Luftblase. Sie hat dann noch eine letzte Chance, unsterblich zu werden: Sie muss sich die Seele verdienen, indem sie in die Häuser der Menschen fliegt, Kranken Kühlung fächelt, traurige als Lufthauch sanft streichelt usw.

 

Gern würde ich, die ja schon eine unsterbliche Seele hat, das freiwillig machen, sozusagen ehrenamtlich, denn es ist doch so, dass wir die Welt gleich schöner finden, wenn wir Gutes tun. Und sie ist es dann ja auch, wenigstens ein kleines Stück.

Also Gutes tun, das ist d i e Perspektive im Alter. Aber so beeindruckend ich das Ehrenamt auch finde, bleibt doch die Frage, nimmt es nicht auch Arbeitsplätze weg?

Sicher brauchen wir Älteren eine Perspektive, aber auf Kosten der Arbeitslosen?

 

Weil ich trotzdem etwas Gutes tun will, werde ich es für mich selbst tun. Schon lange wollte ich mich mal wieder auf die Socken machen (oder auf die Stützstrümpfe) und in die Welt hinaus ziehen.

Ich werde mit dem Fernreisebus fahren, die sind preiswert und bequem. Besonders schnell sind sie nicht, aber ich habe es ja auch nicht besonders eilig. Wer wartet schon auf eine ältere Frau?

Vielleicht kann ich ja meinen Mann oder, wenn er nicht will, jemand anderen überreden, sich mir anzuschließen. Ich habe mir schon überlegt, was ich zu ihm sagen werde: „Komm mit, etwas Besseres als den Tod finden wir überall"!